Sonntag Nachmittag. Frühling. Familien gehen spazieren und genießen das Wetter. So auch hier im „Östlichen“. Einem der Stadtteile Braunschweigs, der nicht den Bombennächten zum Opfer gefallen ist. Ein Stadtteil, der noch die alten und wunderschönen Häuser aus der Gründerzeit hat. Der Stadtteil, von dem wohl viele Braunschweiger sagen würden: Wer hier wohnt, will nie wieder weg.
Mittendrin die Jasperallee. Bis 1928 Kaiser-Wilhelm-Straße. Zwischen 1928 und 1933 hieß sie sogar Friedensallee. Die Nazis machten das rückgängig – wieder Kaiser-Wilhelm-Straße. Seit 1946 trägt sie den Namen von Heinrich Jasper. SPD-Politiker, Ministerpräsident des Freistaates Braunschweig in den Zwanzigern, gestorben im Februar 1945 im KZ Bergen-Belsen. Die Straße selbst ist nach einem NS-Opfer benannt. Und unter ihr liegen die Steine für weitere.

Sie führt geradewegs vom Franz’schen Feld und Prinzenpark zum Staatstheater. Eine Flaniermeile und Anlaufpunkt für viele Menschen, die einen Termin beim Arzt, Therapeuten, Anwalt oder Steuerberater haben. Normalerweise genieße auch ich den Blick auf die unglaublich schönen Häuser mit ihren Fassaden und Ornamenten. Und die blühenden Bäume.
Heute aber schaue ich nach unten. Dahin, wo die Stolpersteine sind. Ich lese die Namen von vielen Menschen, die hier einmal gewohnt haben. Mindestens 20 Steine an 7 Adressen – darunter Familie Spanjer-Herford (Nr. 3 und 21), Familie Lewy/Katz (Nr. 22, deportiert nach Warschau und Sobibor), Familie Mielziner (Nr. 35a, Freitod 1937), Dr. Julius Unger (Nr. 38, gestorben an Haftfolgen). Zu viele…
423 Stolpersteine in Braunschweig, 30 davon hier im Östlichen Ringgebiet. Jeder einzelne ein Name, ein Mensch, eine Familie.
Und dann fällt mir ein, dass vor genau 81 Jahren das Konzentrationslager Buchenwald befreit wurde. Und dass die Menschen, an die diese Stolpersteine erinnern sollen, in einer dieser Mordfabriken gequält wurden und gestorben sind.
Was hat Opas Krieg und die Nazizeit aber überhaupt noch mit mir, mit uns zu tun? Das ist doch alles längst verjährt, sagen viele. Stimmt, wir sind schließlich bereits die Enkel- oder Urenkel-Generation.
Ich denke jedoch, es ist sehr viel mehr, als uns das bewusst ist. Wir tragen das weiter in und mit uns. Ob wir wollen oder nicht. Nicht nur in Form von Geschichtsbüchern, privaten Dokumenten oder eben diesen Stolpersteinen. Es sitzt tief im kollektiven Gedächtnis, häufig in Form von transgenerationalen Traumata. Das ist ein spannendes und umfangreiches Thema, dem ich später einen eigenen Beitrag widmen möchte.
Die Menschen auf den Stolpersteinen hatten Familien. Eltern, Geschwister, Kinder, Enkel, die es nie gab. Sie hatten Familiengeschichten wie du und ich. Genau das ist es, was mich auf genealotino.de antreibt: Familiengeschichten sichtbar machen. Dass manche dieser Geschichten so enden, gehört dazu.
Kennst du Stolpersteine in deiner Stadt? Hast du bei der Familienforschung schon einmal einen Vorfahren gefunden, dessen Geschichte mit der NS-Zeit endet – und nicht weitergeht? Ich bin gespannt auf eure Erfahrungen.
