Das Pfarrerbuch der Kirchenprovinz Sachsen: Pflichtquelle für Thüringen-Forscher

Als ich anfing, die Pfarrer im Kirchenkreis Erfurt systematisch zu erfassen, stieß ich auf ein Phänomen, das mich zunächst verwirrt hat: Orte, die mitten in Thüringen liegen – Andisleben, Büßleben, Dachwig – tauchen im Pfarrerbuch der Kirchenprovinz Sachsen auf. Nicht im Thüringischen Pfarrerbuch. Was hat Sachsen mit Thüringen zu tun?

Die kurze Antwort: Kirchenprovinz Sachsen hat mit dem heutigen Bundesland Sachsen ungefähr so viel zu tun wie der Schwarzwald mit Schwaben. Der Name ist historisch, die Grenzen sind es auch – und wer das versteht, erschließt sich eine der wichtigsten genealogischen Quellen für Teile Thüringens.

Zwei Pfarrerbücher, eine Region

Wer in Thüringen Pfarrer-Vorfahren sucht, stößt schnell auf diese zwei Grundquellen:

Das Thüringische Pfarrerbuch (ThPfB) dokumentiert die evangelischen Pfarrstellen der thüringischen Kleinstaaten – Sachsen-Weimar, Sachsen-Gotha, Sachsen-Meiningen, die Schwarzburger Grafschaften, die Reußischen Herrschaften. Zehn Bände, erschienen im Evangelischen Verlagshaus Leipzig:

Band Territorium Jahr
Bd. 1 Herzogtum Gotha 1995
Bd. 2 Fürstentum Schwarzburg-Sondershausen 1997
Bd. 3 Sachsen-Weimar-Eisenach (Landesteil Eisenach) 2000
Bd. 4 Reußische Herrschaften 2004
Bd. 5 Fürstentum Schwarzburg-Rudolstadt 2010
Bd. 6 Herzogtum Sachsen-Altenburg 2013
Bd. 7 Herzogtum Sachsen-Meiningen 2017
Bd. 8 Sachsen-Weimar (Landesteil Weimar) in Bearbeitung
Bd. 9–10 nicht erschienen

Das Pfarrerbuch der Kirchenprovinz Sachsen (KPS) dokumentiert hingegen die preußische Kirchenprovinz Sachsen. Ebenfalls zehn Bände, ebenfalls im Evangelischen Verlagshaus Leipzig. Und eben nicht das Königreich Sachsen, nicht Sachsen-Anhalt, nicht das ThPfB-Gebiet – sondern Preußen:

Band Inhalt
Bd. 1 Biogramme A–Bo
Bd. 2 Biogramme Br–Fa
Bd. 3 Biogramme Fe–Ha
Bd. 4 Biogramme He–Kl
Bd. 5 Biogramme Kn–Ma
Bd. 6 Biogramme Me–P
Bd. 7 Biogramme Q–Scho
Bd. 8 Biogramme Schr–To
Bd. 9 Biogramme Tr–Z
Bd. 10 Series Pastorum (Pfarrerstellen nach Ort)

Das KPS ist also alphabetisch nach Biogrammen geordnet – anders als das ThPfB, das nach Territorien gegliedert ist. Wer einen konkreten Pfarrer sucht, findet ihn in Bd. 1–9 unter seinem Nachnamen. Wer alle Pfarrer eines bestimmten Ortes sucht, nutzt Bd. 10 (Series Pastorum).

Für Thüringen-Forscher ist vor allem Bd. 10 (Series Pastorum) der Einstieg – dort stehen alle Pfarrstellen nach Ort geordnet, also auch Erfurt, Nordhausen, Mühlhausen und das Eichsfeld.

Zusammen ergeben beide Werke eine annähernde Vollabdeckung des heutigen Thüringen. Aber eben nur annähernd – und nur wenn man weiß, welcher Ort in welchem Buch steckt.

Preußen mitten in Thüringen – wie kam das?

Die Antwort liegt im Jahr 1803. Der Reichsdeputationshauptschluss und danach der Wiener Kongress 1815 haben die kirchliche Landkarte Mitteleuropas gründlich durcheinandergewürfelt.

Erfurt war seit dem Mittelalter Besitz des Erzbistums Mainz – kurmainzisch, nicht thüringisch. Als Mainz 1803 seine weltlichen Gebiete verlor, fiel Erfurt an Preußen. Damit wurde die Erfurter Stadtkirche preußisch, und alle Dörfer im Erfurter Stiftsgebiet drumherum gleich mit.

Das Eichsfeld – Heiligenstadt, Worbis, weite Teile des heutigen Eichsfeldkreises – war ebenfalls kurmainzisch und wurde ebenfalls preußisch. Wobei das Eichsfeld überwiegend katholisch geblieben ist; die evangelischen Gemeinden dort sind eine Minderheit, die trotzdem ins KPS gehört.

Mühlhausen und Nordhausen waren Freie Reichsstädte. Als Reichsstädte 1803 aufgelöst wurden, übernahm Preußen beide. Wer also einen Pfarrer in Nordhausen sucht, sucht im KPS, nicht im ThPfB.

Was das für die Forschung bedeutet

Ich habe für den Kirchenkreis Erfurt die KPS-Daten ausgewertet. Das Ergebnis ist eindeutig: 1820 gehörten rund 22 Orte zum Kirchenkreis Erfurt – darunter Andisleben, Büßleben, Dachwig, Wandersleben oder Sömmerda. Diese Orte waren kirchlich Erfurt zugeordnet, weil sie im ehemaligen Stiftsgebiet lagen. Sömmerda etwa wurde erst 1978 ein eigener Kirchenkreis.

Das KPS Bd. 10 (Series Pastorum) enthält für diese Orte alle Pfarrer vom 16. bis ins 20. Jahrhundert. Das ThPfB hat sie gar nicht – weil sie nie zu einem thüringischen Herzogtum gehört haben.

Quellengebiet Quelle
Erfurt und ehemaliges Stiftsgebiet KPS
Eichsfeld (ev. Gemeinden) KPS
Mühlhausen, Nordhausen KPS
Sachsen-Weimar, Sachsen-Gotha ThPfB
Schwarzburg-Rudolstadt, -Sondershausen ThPfB
Reußische Herrschaften ThPfB
Sachsen-Meiningen, Sachsen-Altenburg ThPfB

Die Kirchenprovinz Sachsen war groß

Das sollte man sich klarmachen: Die Kirchenprovinz Sachsen erstreckte sich weit über das heutige Thüringen hinaus. Der Großteil ihrer Orte liegt heute in Sachsen-Anhalt – Magdeburg, Halle, Stendal, Merseburg, Quedlinburg. Teile reichen in das heutige Niedersachsen hinein (südliches Eichsfeld, Duderstadt-Bereich). Und natürlich umfasst sie den thüringischen Preußen-Streifen.

Die Kirchenprovinz Sachsen ist damit eine kirchlich-administrative Einheit gewesen, die sich ausschließlich an preußischen Verwaltungsgrenzen orientiert hat – nicht an geografischen oder ethnischen. Sie entstand 1815 und endete als solche mit der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen, die 2009 in der heutigen EKMD (Evangelische Kirche in Mitteldeutschland) aufgegangen ist.

Wo finde ich das KPS?

Das Pfarrerbuch der Kirchenprovinz Sachsen (10 Bände, Evangelische Verlagsanstalt Leipzig) ist in den meisten größeren Bibliotheken Sachsen-Anhalts und Thüringens vorhanden. Digitalisiert ist es bislang nicht vollständig zugänglich, einzelne Bände finden sich aber über den Bibliotheksverbund.

Für die digitale Auswertung: Ich habe aus KPS Bd. 10 (Series Pastorum) über 46.000 Pfarrstellen-Einträge in 1.921 Orten geparst und in meine Gramps-Forschungsdatenbank importiert. Die Kirchenkreiszugehörigkeit 1820/1910/1978 ist dabei für rund 1.200 Orte erfasst.

Was noch fehlt

Keine Quelle ist vollständig – das gehört zum Wesen der Familiengeschichtsforschung. Das KPS erfasst die evangelischen Gemeinden; das überwiegend katholische Eichsfeld fehlt fast vollständig. Zwei Ergänzungsquellen sind für den Raum Erfurt besonders wertvoll:

Martin Bauer: Evangelische Theologen in und um Erfurt im 16. bis 18. Jahrhundert (Degener, Neustadt a.d. Aisch 1992, ISBN 3-7686-4129-5, 399 S.) – dokumentiert speziell die Erfurter Stadtgeistlichkeit mit Biogrammen, die über das KPS hinausgehen. Für die Stadtpfarrer Erfurts ist das die detailliertere Quelle. Erschienen in der Schriftenreihe der Stiftung Stoye, inzwischen vergriffen.

Erfurter Geistlichkeit (Mecenseffy) – listet die Pfarrstellen der Erfurter Stadtkirchen und ergänzt das KPS um ältere Einträge aus der Reformationszeit.

Wer in den Grenzregionen forscht – also genau dort, wo thüringische Herzogtümer an preußische Verwaltungsgebiete gestoßen sind – sollte beide Quellen parallel nutzen. Der Ortswechsel eines Pfarrers von Gotha nach Nordhausen taucht dann in zwei verschiedenen Pfarrerbüchern auf.

Eine Karte hilft dabei, diese historischen Grenzen zu verstehen:

Richard Andree: Thüringische Staaten, 1890. Public Domain. Die graue Fläche im Nordwesten zeigt den preußischen Regierungsbezirk Erfurt – kirchlich zur Kirchenprovinz Sachsen gehörend, geografisch mitten in Thüringen.


Kennst du Orte aus deiner Forschung, die du im falschen Pfarrerbuch vermutet hättest? Schreib es in die Kommentare – ich bin gespannt, in welchen Grenzzonen ihr forscht.


Weiterführende Links

Auf genealotino.de

EKMD – Evangelische Kirche in Mitteldeutschland

Quellen und Werkzeuge

Historischer Kontext