Anfang der 90er Jahre. Das Computerspiel lädt von Diskette 1. Irgendwann – immer im falschen Moment, immer mitten in der spannendsten Szene – erscheint die Meldung: Bitte Diskette 2 einlegen. Man steht auf, tauscht aus, wartet. Und denkt dabei nicht eine Sekunde darüber nach, dass man gerade dabei ist, Daten zu migrieren. Das nächste Level wartet schon. So fing es an. Eine 5¼”-Diskette fasste damals rund 360 Kilobyte. Das entspricht etwa 180 getippten A4-Seiten. Für ein Spiel brauchte man zwei davon. Den Rechner steuerte man über kryptische Befehle am DOS-Prompt. DIR. COPY. FORMAT A:. Wer ausversehen den falschen Laufwerksbuchstaben oder gar FDISK /mbr eintippte, hatte ein Problem – und wusste es meistens erst, wenn es zu spät war. Heute sind wir, nebenbei bemerkt, wieder so weit. Nur heißt der Prompt jetzt anders, antwortet auf Deutsch – und löscht einem zumindest nicht die Festplatte.
Was das mit Genealogie zu tun hat
Ich kenne Familienforscherinnen und -forscher, die seit Jahrzehnten akribisch arbeiten. Hunderte, manchmal Tausende von Datensätzen. Quellen sorgfältig belegt. Generationen aufgedröselt, die sonst niemand mehr kennt. Und dann steht im Keller ein alter Pentium-PC. Windows 95. Kein Internetanschluss – bewusst, denn das Sicherheitsrisiko wäre heute zu groß. Auf dem Rechner läuft ein Genealogie-Programm im DOS-Fenster, das es seit den frühen 2000ern nicht mehr gibt. Es läuft noch. Es hat immer funktioniert. Die Oberfläche ist vertraut. Die Tastenkürzel sitzen. Warum also wechseln? Gute Frage. Die Antwort kommt dann, wenn man versucht, die Daten irgendwo anders hinzubekommen. Es gibt keinen Export mehr. Nicht mal GEDCOM 5.5.1. Kein modernes Programm liest das proprietäre Format. Die einzige Möglichkeit, die Daten herauszubekommen: ausdrucken. Mit dem alten Tintenstrahldrucker, der noch irgendwo im Regal steht und dessen Patronen längst eingetrocknet sind. Tintenstrahltinte verblasst – je nach Papierqualität und Lagerung – in 10 bis 30 Jahren. Das Kirchenbuch, aus dem die Daten ursprünglich abgeschrieben wurden, ist über 300 Jahre alt. Die Rettung produziert das nächste Problem. Herzlich willkommen in der Welt der digitalen Langzeitarchivierung.
Die kurze Geschichte des langen Vergessens
Wer mit dem Computer aufgewachsen ist, kennt die Friedhöfe der Speichermedien aus eigener Erfahrung: 5¼”-Diskette → 3½”-Diskette → ZIP-Laufwerk → CD-ROM → DVD → USB-Stick → externe Festplatte → Cloud Das ZIP-Laufwerk wurde damals als die endgültige Lösung angepriesen. 100 Megabyte pro Diskette – unvorstellbar viel. Wer heute noch eines hat, darf es behalten. Ein Lesegerät dafür zu finden ist sportlich. An jedem dieser Übergänge gingen Daten verloren. Nicht weil die Träger kaputtgingen – obwohl das auch passiert. Sondern weil das Lesegerät verschwand, bevor jemand ans Umkopieren gedacht hatte. Die Daten waren noch da. Sie waren nur nicht mehr lesbar. Das ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied. Eine CD-ROM hält unter idealen Bedingungen 25 bis 100 Jahre. Unter idealen Bedingungen bedeutet: kühl, trocken, lichtgeschützt, aufrecht gelagert, nicht zerkratzt, nicht beschriftet. Wer von euch lagert seine CDs so? Pergament aus dem 14. Jahrhundert ist heute noch lesbar. Es braucht kein Laufwerk und keine idealen Bedingungen – nur einen Tisch.
Das Software-Dilemma
Speichermedien sind das eine Problem. Software ist das andere – und in der Genealogie besonders heikel. Bis zum großen Ahnenforschungshype Anfang der 2000er Jahre gab es kaum Auswahl. Wer damals anfing, griff zu dem, was verfügbar war: oft spezialisierte Programme für den deutschsprachigen Raum, die von einzelnen Entwicklern oder kleinen Firmen gepflegt wurden. Manche davon existieren heute nicht mehr. Die Daten schon – aber in einem Format, das kein aktuelles Programm versteht. Auch heute muss man bei der Wahl einer Genealogie-Software genau hinschauen. Wird das Programm aktiv weiterentwickelt? Exportiert es in offene Standards? Und – die wichtigste Frage, die die wenigsten stellen: Gehören meine Daten wirklich mir? Das klingt selbstverständlich. Ist es nicht. Cloud-Lösungen haben Vorzüge – Synchronisation, Zugriff von überall, kein Backup-Stress. Aber sie haben auch AGBs. Und Geschäftsmodelle. Und Investoren, die irgendwann Rendite erwarten. Meine Daten, die ich anfangs auf verwandt.de eingetippt habe, liegen heute ohne meinen Wunsch und mein Zutun auf myheritage.com. Mehrfach von anderen kopiert und mit all den Fehlern, die ich am Anfang gemacht habe. Ende 2024 wurde die Ahnen-Chronik eingestellt – nach über 30 Jahren Entwicklungsarbeit eines einzelnen Programmierers, Hans-Werner Hennes. Ein Programm mit langer Geschichte und treuer Nutzerbasis. Kein Drama, keine große Ankündigung – der Dienst lief aus, und wer darauf gesetzt hatte, musste kurzfristig und unfreiwillig migrieren. Deine Großmutter hat ihr Rezeptheft nicht in der Cloud gespeichert. Es liegt noch heute in der Schublade.
Was Papier besser macht
Nicht jedes Papier ist gleich. Wer historische Kirchenbücher kennt, kennt den Unterschied: Die Taufregister aus dem 17. Jahrhundert, geschrieben auf Hadernpapier aus Textilresten – Leinen, Hanf, Baumwolle –, sind heute noch tadellos lesbar. Hadern, also Lumpen und Stoffabfälle, wurden über Jahrhunderte als Rohstoff für Papier genutzt. Das Ergebnis war ein Material mit langen Zellulosefasern und ohne aggressive Säuren. Es altert langsam. Würdevoll, fast. Und wer es einmal angefasst hat, versteht die Faszination. Das änderte sich im 19. Jahrhundert. Als der Bedarf nach Papier rasant stieg, reichten die Textilreste nicht mehr aus. Die Industrie wechselte auf Holzschliff. Billiger, in unbegrenzten Mengen verfügbar – und ein Problem, das sich erst Jahrzehnte später zeigte: Holzschliffpapier enthält Lignin und Säuren, die es von innen heraus zersetzen. Die Seiten vergilben, werden spröde, brechen beim Blättern. Zeitungen aus den 1920er Jahren zerbröseln schon beim Anfassen. Die Kirchenbücher aus derselben Zeit – sofern auf billigem Papier angelegt – sind oft in schlechterem Zustand als jene, die zwei Jahrhunderte früher entstanden. Auch Papier ist also keine Garantie. Falsches Material, falsche Lagerung – und 50 Jahre reichen für den Zerfall. Säurefreies, holzschlifffreies Papier hingegen hält 300 bis 500 Jahre. Es braucht keine Stromversorgung. Kein Betriebssystem. Keine Treiber. Kein Abonnement. Keine AGB, die sich still aktualisieren. Es ist einfach da – und verlangt dafür nichts. Das bedeutet nicht, dass Papier die Antwort ist. Digitale Werkzeuge ermöglichen Recherchen, die früher undenkbar waren – Datenbankabfragen über Millionen von Datensätzen, Bildverbesserung für unleserliche Scans, KI-gestützte Transkription alter Handschriften. Zurück zu Stift und Papier ist keine Option. Aber es bedeutet: Wer digital forscht, trägt eine Verantwortung, die frühere Generationen nicht kannten. Die aktive Pflege seiner Daten. Die Wahl offener Formate. Die regelmäßige Migration auf aktuelle Träger. Papier ist geduldig. Digitale Daten sind es nicht.
Was du jetzt tun kannst
Drei konkrete Schritte:
- Offene Formate nutzen. GEDCOM 5.5.1 ist der aktuelle und GEDCOM 7.0 der kommende Standard für den Austausch von Genealogiedaten. Programme, die ihn unterstützen, sind langfristig sicherer als solche mit proprietären Formaten.
- Datensicherung – mehrfach und an verschiedenen Orten. Externe Festplatte zu Hause + Cloud + gelegentlicher Ausdruck der wichtigsten Dokumente. Keine dieser Methoden allein reicht. Das NESTOR-Kompetenznetzwerk des Bundesarchivs gibt konkrete Empfehlungen, welche Dateiformate für die Langzeitarchivierung geeignet sind – kostenlos und auf Deutsch.
- Das Programm regelmäßig prüfen. Wird es noch gepflegt? Gibt es eine aktive Community? Wann erschien das letzte Update?
Welches Programm das richtige für dich ist – das ist eine eigene Frage. Eine, die ich in einer der nächsten Genealotino-Episoden ausführlich beantworte: mit einem ehrlichen Vergleich der wichtigsten Programme, drei Entscheidungsfragen vor dem Download – und ohne Werbung.
Hast du schon einmal Daten verloren, weil ein Programm oder ein Speichermedium nicht mehr lesbar war? Oder kämpfst du gerade mit einem Altbestand, den du nicht mehr exportieren kannst? Schreib es in die Kommentare.
Quellen & Weiterführendes
- GEDCOM 7.0 Spezifikation – FamilySearch, offener Standard
- NESTOR – Kompetenznetzwerk Langzeitarchivierung – Empfehlungen des Bundesarchivs
- Ahnenblatt – kostenlos, Windows, GEDCOM 7.0
- Gramps – kostenlos, Open Source, alle Betriebssysteme
