Wer einen Pfarrer im Herzogtum Sachsen-Gotha sucht, findet heute mehr als nur einen Kirchenbucheintrag – vorausgesetzt, er kennt die richtigen Quellen. Ich bin über diesen Schatz gestolpert, als ich mitten in meiner EKMD-Pipeline steckte. Kirchenbücher, Kirchengebäude, GOV-Ortsstrukturen – seit Tagen hatte ich Skripte gebaut, PDFs geparst, Kirchengemeinden in Gramps importiert. Güldenapfel (1931, 1.368 thüringische Orte). Machholz (1925, 1.680 Orte aus der Provinz Sachsen – mehr dazu im Artikel über das Pfarrerbuch der Kirchenprovinz Sachsen). Das Kubuli-PDF des LKA Eisenach (655 Seiten, 19.501 Kirchenbuch-Einträge). Das Pendant aus Magdeburg (2.357 Seiten, 24.862 Einträge).
An einem solchen Punkt hört man auf, Orte zu zählen, und fängt an zu fragen: Was mache ich eigentlich damit?
Die Antwort kam über FactGrid.

FactGrid: Pfarrer im Herzogtum Sachsen-Gotha maschinenlesbar
FactGrid ist ein Wikidata-Ableger, der sich auf historische Daten spezialisiert hat. Akademisch, strukturiert, auf den ersten Blick etwas einschüchternd. Ich kannte es, hatte es aber nie ernsthaft genutzt.
Dann fragte ich eine SPARQL-Abfrage ab. Und die Antwort ließ mich kurz die Luft anhalten.
Pfarrerbuch Gotha, Band 1: 140 Pfarrstellen. 2.007 Pfarrer. 4.129 Amtszeiten. Direkt aus der Linked-Data-Datenbank, sauber strukturiert, sofort in Gramps importierbar.
Das ist nicht nur eine Zahl. Das ist eine vollständig erschlossene Quelle, die bisher in Buchform existierte und jetzt maschinenlesbar ist. Ich habe über Nacht 2.108 neue Personen in Gramps, 4.104 Berufs-Events und 119 Kirchengemeinden als Orte angelegt – alle mit Quellenangabe direkt aus dem Pfarrerbuch.
Der Lebensweg eines Pfarrers: Schule → Universität → Kanzel
Und dann kam der eigentliche Aha-Moment. Nicht die Zahlen – die Verknüpfung.
Viele Pfarrer im Herzogtum Sachsen-Gotha haben dasselbe Bildungsmuster hinterlassen:
- Gymnasium Illustre Gotha (später Ernestinum) – eine der bedeutendsten Bildungsstätten Thüringens. Die historischen Schülermatrikel werden in der Forschungsbibliothek Gotha verwahrt. FactGrid hat rund 3.969 Abiturienten von 1524 bis 1859 erfasst.
- Universität – meist Halle, Wittenberg oder Jena. Die Matrikel der Universität Halle-Wittenberg allein enthält 20.679 Studenten (Band 1, 1690–1730) – erschlossen über GenWiki (CompGen).
- Pfarrstelle – dokumentiert im Pfarrerbuch, jetzt in FactGrid, jetzt in Gramps.
Wenn diese drei Quellen auf dieselbe Person zeigen, habe ich plötzlich einen Lebensweg. Nicht nur ein Amt. Nicht nur ein Sterbedatum im Kirchenbuch. Sondern: wann jemand Abitur gemacht hat, wo er studiert hat, welche Pfarrei er wann übernommen hat, wie lange er dort geblieben ist.
Das ist Familiengeschichtsforschung. Nicht klicken. Forschen.
Gramps als Verbindungsstück
Ich hätte diese Quellen auch nebeneinander liegen lassen können – als separate Tabellen, als JSON-Dateien, als hübsche CSV-Exporte. Das wäre der bequeme Weg gewesen.
Stattdessen laufen sie jetzt alle in Gramps zusammen. Das Pfarrerbuch als Quelle. FactGrid als Linked-Data-Referenz. Die Abiturienten als Bildungs-Events. Die Matrikel als weiteres Standbein.
Wenn ich jetzt in Gramps eine Person aufrufe, sehe ich: Pfarrer in Wechmar (laut Pfarrerbuch Gotha). Abitur am Gymnasium Gotha 1712 (laut FactGrid Abiturienten). Immatrikuliert in Halle 1714 (laut Matrikel Halle-Wittenberg).
Drei Quellen. Eine Person. Ein Leben.
Was die Sell’schen Bücher noch draufpacken
Eine Quelle hätte ich fast vergessen: die AGT-Mitteilungsblätter. Die Arbeitsgemeinschaft Genealogie Thüringen e.V. hat über Jahrzehnte Personendaten aus thüringischen und fränkischen Quellen gesammelt – darunter die sogenannten Sell’schen Tafeln. Über 16.000 Personen, handschriftlich erschlossen. Von Jörg Keyßner transkribiert und genealogisch aufgearbeitet. Eine mörderische Arbeit!
Ich habe einen Parser gebaut, der die PDFs automatisch liest: 10.336 Personen aus 24 Bänden, davon 549 Pfarrer, 68 Diakone, 28 Superintendenten.
Die Sell’schen Bücher sind bisher nicht in FactGrid. Aber sie ergänzen den Bereich südlich des Herzogtums: Hildburghausen, Sonneberg, die fränkische Grenzzone. Pfarrer, die vielleicht ebenfalls durch das Gymnasium Gotha oder über die Universität Jena ihren Weg gefunden haben.
Warum das für dich als Forscher relevant ist
Wenn du in Thüringen – besonders im ehemaligen Herzogtum Sachsen-Gotha – auf einen Pfarrer stößt, hast du jetzt mehr als eine Quelle.
Die Frage ist nicht mehr: „Gibt es einen Kirchenbucheintrag?“ Die Frage ist: „Welche Quellenkette kann ich aufbauen?“
FactGrid bietet den Einstieg. Die SPARQL-Abfragen sind lernbar. Gramps (oder jede andere genealogische Software) nimmt die Daten auf. Und die historischen Bildungsquellen – Gymnasium, Matrikel, Pfarrerbuch – sind heute besser erschlossen als je zuvor.
Das fühlt sich wenig nach Routine an. Und genau das ist der Grund, warum ich noch forsche.
Was noch fehlt
Ich sage bewusst „noch“. Die Pfarrer aus Bänden 2–8 der Pfarrerbuch-Reihe sind ansatzweise in FactGrid eingegeben. Wer mitmachen will: Die Daten basieren auf den gedruckten Bänden des Thüringischen Pfarrerbuchs (GenWiki/CompGen). Der Abgleich mit den Sell’schen Büchern steht aus. Viele FactGrid-Einträge haben nur Grunddaten – Bildungsquellen fehlen noch, weil FactGrid selbst bei P83 (educated at) nicht konsequent befüllt ist.
Aber genau das ist der Punkt: Es ist ein Prozess. Kein Abschluss. Jede neue Quelle schließt eine Lücke – und öffnet zwei neue Fragen.
Und wenn die nächste Frage lautet: „Wo hat dieser Pfarrer studiert?“ – dann weiß ich jetzt, wo ich nachschaue.
Welchen Pfarrer oder Lehrer hast du in deiner Forschung, bei dem du dir wünschst, du hättest mehr als nur einen Kirchenbucheintrag? Schreib’s in die Kommentare – mich interessiert konkret, wo eure toten Punkte liegen.

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