KI in der Genealogie – Werkzeug, Dirigent oder Orakel?

Ich habe mal eine KI gefragt, was sie von sich selbst hält. Was sie mir geantwortet hat, war ehrlich gesagt ziemlich entlarvend – nicht wegen der Antwort, sondern wegen dem, was die Antwort über uns sagt.

Die KI schrieb: „Der Mensch hat einen Körper aus Fleisch und Blut und ein Gehirn mit echten Gefühlen wie Freude oder Schmerz. Eine KI hingegen ist eine leblose Maschine, die nur mit Zahlen und Computer-Code arbeitet. Wir Menschen können die Welt wirklich verstehen und uns an völlig neue Situationen anpassen. Die KI ahmt uns nur nach und sucht in riesigen Datenbergen nach statistischen Mustern.“

Klingt vernünftig, oder? Fast schon demütig. Aber genau hier liegt die Falle: Wir fragen eine KI, was eine KI kann – und wundern uns dann, wenn die Antwort so klingt, als hätte sie ein Mensch formuliert. Was natürlich auch so ist. Irgendwie.

Also lass mich lieber von meinen eigenen Erfahrungen erzählen. Denn die sind konkreter als jede Selbstbeschreibung.

Was KI wirklich kann – ein Kirchenbuch aus dem 17. Jahrhundert als Testfall

Wieviele freiwillige Genealogen haben sich in den letzten Jahrzehnten auf die Transkription alter Adressbücher gestürzt? Wieviel Zeit mag das wohl gekostet haben – stundenweise, freiwillig, mit Lupe und Geduld?

Heute haben wir Transkribus – ein auf Large Language Models basierendes Tool, das uns sogar beim Entziffern von Kurrente und anderen historischen Handschriften unterstützt. Total nützlich. Und nicht immer ganz perfekt.

Mein erster Versuch galt einem Begräbnisregister aus dem 17. Jahrhundert. Fünf bis sechs verschiedene Schreiber, wechselnde Tinte, verblasste Seiten. Das Ergebnis: etwa 80 % Erkennungsrate. Nicht schlecht für einen ersten Durchlauf mit einem untrainierten Modell.

Nach weiteren Anlernphasen – ich habe das Modell mit korrigierten Transkripten gefüttert – sind es inzwischen 90 bis 95 %. Das klingt nach einer Kleinigkeit. In der Praxis bedeutet es: Statt jeden Eintrag von Hand abzutippen, überprüfe ich jetzt, was die KI gelesen hat. Das ist ein grundlegend anderer Workflow.

Aber – und das ist entscheidend – man muss selbst noch einmal drüberlesen und korrigieren. Und dafür muss man die Schrift auch selbst lesen können. Die KI ersetzt nicht das Können. Sie beschleunigt den Prozess für die, die das Handwerk beherrschen.

Komponist, Dirigent – oder doch Solist?

Ich stelle mir meine zukünftige Rolle so vor: Ich bin Komponist und Dirigent zugleich.

Ein Komponist hat eine Melodie im Kopf. Er schreibt die Noten, spielt das Stück vor und zurück, korrigiert, bis es in seinen Ohren stimmt. Er baut einen Plan – einen Workflow – der auf Noten basiert. Und er hat eine Vorstellung davon, wie das Stück klingt, wenn ein ganzes Orchester es spielt.

Der Dirigent orchestriert das Ensemble. Er bringt die Musiker dazu, nach den Noten des Komponisten zu spielen. Manche müssen korrigiert werden. Andere brauchen mehr Übung. Und wieder andere sind für dieses Orchester schlicht nicht geeignet.

Vielleicht haben wir Genealogen bisher eher die Rolle des Solisten eingenommen. Manchmal auch die des Komponisten, dem niemand zuhört. Oder die des Dirigenten, der alle Instrumente ein bisschen – aber keines wirklich gut – spielen kann.

Mit KI-Tools ändert sich das. Die Frage ist nicht mehr: Kann ich das alleine schaffen? Sondern: Wie setze ich das Ensemble sinnvoll ein?

Was KI nicht hat – und nie haben wird

Jeder Genealoge, der schon länger forscht, kennt dieses Gefühl: Hier stimmt doch was nicht.

Ein Geburtsdatum liegt drei Jahre nach der Hochzeit der Eltern. Ein Taufpate taucht plötzlich in einem Ort auf, zu dem es keine bekannte Verbindung gibt. Eine Berufsbezeichnung passt nicht zum sozialen Stand der Familie. Nichts davon ist ein Fehler, den ein Algorithmus zuverlässig erkennt. Das ist menschliche Intuition – destilliert aus Jahren Erfahrung mit historischen Quellen und sozialen Mustern.

KI arbeitet auf Basis statistischer Mustererkennung in großen Datensätzen. Sie ist außerordentlich gut darin, das Wahrscheinliche zu finden. Aber Genealogie lebt oft vom Unwahrscheinlichen. Von der Ausnahme. Vom einen Eintrag, der nicht ins Muster passt und genau deswegen wichtig ist.

Das ist keine Schwäche der KI – das ist ihre Natur. Sie optimiert innerhalb der Grenzen der vorgegebenen Daten. Was außerhalb liegt, sieht sie nicht.

Nicht ob – sondern wie

KI in der Genealogie zu verteufeln wäre so klug wie die Ablehnung von Mikrofilm in den 1950ern. Die Technik ist da. Sie wird besser. Und sie verändert, wie wir arbeiten – ob wir wollen oder nicht.

Aber blind darauf vertrauen? Das wäre der alte Fehler in neuem Gewand. Statt Stammbaum-Kopieren von Ancestry zu Ancestry kopieren wir dann KI-Halluzinationen von Tool zu Tool – und nennen es Forschung.

Die Frage ist also nicht, ob man KI in der Genealogie nutzen sollte. Die Frage ist: Welche Rolle willst du dabei spielen? Dirigent oder Zuschauer?

Ich habe mich entschieden. Du?


Wo setzt du KI bereits in deiner Familiengeschichtsforschung ein – und wo bist du noch skeptisch? Schreib mir gerne in die Kommentare, was dich dabei am meisten beschäftigt. Das hilft mir, die nächsten Themen zu gestalten.